Heros Makedon: Makedonien und das Volk der Makedonen
Es gibt mythologische Gestalten, deren Erbe bis in unsere heutige Landkarte reicht. Eine spannende Figur der Antike ist Makedon (altgriechisch Μακεδών) – der eponyme (namensgebende) Heros und Stammvater der Region Makedonien und des Volkes der Makedonen. Wie lässt sich dieser geheimnisvolle Stammvater beschreiben? Wie verbindet er griechische Göttermythen mit der ägyptischen Unterwelt und modernen Werwolf-Legenden - und was genau ist heute mit „Makedonien“ gemeint?
Wer war Makedon? Der Mythos des Stammvaters
Wie so oft in der antiken Mythologie >> gibt es nicht die EINE Entstehungsgeschichte. Verschiedene Quellen zeichnen unterschiedliche, aber faszinierende Bilder von Makedons Herkunft.
Der Erdgeborene: Der antike Geograph Skymnos von Chios >> beschrieb Makedon als gegenés (γηγενής) – als „erdgeboren“. Er entstieg demnach direkt dem Boden und besaß keine menschlichen oder göttlichen Eltern.
Der Dichter Hesiod liefert eine klassischere Abstammung: Hier ist Makedon ein Sohn des Göttervaters Zeus >> und der Thyia, einer Tochter des Deukalion >> (der mit seiner Gemahlin Pyrrha die große Flut >> überlebte).
Makedons Nachfahren: Mindestens einen Sohn schreibt die Mythologie dem Heros zu: Beres >>. Dieser gilt als Gründer der antiken Stadt Beres, welche mit der heutigen nordgriechischen Stadt Veria (in der Bibelsprache Beröa) gleichgesetzt wird.
Die ägyptische Verbindung: Osiris, Anubis und die Wölfe
Besonders spannend wird es beim Geschichtsschreiber Diodor (1. Jahrhundert v.u.Z.). Er schlägt eine Brücke ins alte Ägypten:
Nach Diodor war Makedon ein Sohn des Unterweltgottes Osiris (Totengott) und somit ein Bruder von Anubis, dem gottgleichen Hüter der Bestattungsriten. Als Osiris durch die Welt zog, setzte er Makedon als Herrscher in der Region ein, die später seinen Namen tragen sollte.
Von antiken Wolfsmythen zur modernen Popkultur
Diese ägyptisch-griechische Verflechtung bringt ein auffälliges Tiermotiv mit sich: Hunde und Wölfe. Während Anubis oft mit Schakal- oder Hundekopf dargestellt wird, wird Makedon in antiken Überlieferungen mit dem Oberkörper eines Wolfes oder mit Wolfsfellen assoziiert. Diese Verbindung lässt Parallelen zu Lykaon >> erkennen – jenem arkadischen König, der von Zeus zur Strafe in einen Wolf verwandelt wurde. Die Gestalten des Makedon und des Lykaon gelten in der Mythenforschung als Ur-Väter der Lykanthropie (der Verwandlung von Menschen in Werwölfe) und legten den Grundstein für den Werwolf-Mythos (im Griechischen der Neuzeit auch Wrykólakas, siehe Lamien >>). Sogar in der modernen Filmreihe Underworld lebt die Geschichte der Antike weiter: Die Rasse der Werwölfe wird dort als „Lykaner“ bezeichnet.
Kriegs- und Totengott Wepwawet
Manche Forschende setzen Makedon auch mit dem ägyptischen Kriegs- und Totengott Wepwawet („Öffner der Wege“, von den Altgriechen Ophois genannt) gleich, was Makedon in den Rang einer echten Gottheit erhebt.
Was ist mit „Makedonien“ gemeint?
Wenn heute von Makedonien die Rede ist, überschneiden sich Geografie, Geschichte und politische Gegenwart. Man muss klar unterscheiden:
1. Die historische und geografische Region
Makedonien ist eine große Kultur- und Geografie-Region auf der südlichen Balkanhalbinsel. In der Antike stieg das Königreich Makedonien – besonders unter Alexander dem Großen und seinem Vater Philipp II – zu einer Weltmacht auf. Zugeordnet werden Philipp II und Alexander der Große dem Königsgeschlecht der Argeaden, deren Blutlinie mit Karanos >> startet. Geografisch erstreckt sich dieses Gebiet heute über mehrere moderne Staaten.
Griechenland: Die große nordgriechische Region Makedonien (unterteilt in West-, Zentral- und Ostmakedonien) stellt den flächenmäßig größten Teil des historischen Kernlandes dar.
Nordmazedonien: Der unabhängige Staat Republik Nordmazedonien liegt nördlich der griechischen Grenze.
Bulgarien: Die Oblast Blagoewgrad (Pirin-Makedonien) im Südwesten Bulgariens.
Weitere Anteile: Kleinere Randgebiete liegen im Süd-Kosovo, Süd-Serbien und Südost-Albanien.
2. Der Staat „Nordmazedonien“
Jahrzehntelang gab es zwischen Griechenland und dem Nachbarstaat Nordmazedonien einen Namensstreit um die Bezeichnung „Mazedonien / Makedonien“. Erst durch das Abkommen von Prespa (2018/2019) benannte sich der Staat offiziell in Republik Nordmazedonien um, um klar zwischen dem modernen Staat und der griechischen Region Makedonien zu unterscheiden.
Fazit
Makedon bleibt somit weit mehr als nur eine verstaubte Figur alter Pergamente: Er verkörpert die faszinierende Nahtstelle, an der griechische Heldenepik, ägyptische Mythologie und die Namensgebung einer bis heute bedeutenden Kulturlandschaft Europas >> aufeinandertreffen.