Das Volk der Etrusker und ihr Stammvater Tyrrhenos
Lange bevor Rom zur Weltmacht aufstieg, blühte im Herzen Italiens eine geheimnisvolle Hochkultur: Die Etrusker. Ein zentrales Element ihrer Geschichte führt in die griechische Mythologie >> und zu einer Gestalt: Tyrrhenos, dem mythologischen Heros / Stammvater dieses legendären Volkes.
Die Sage um Tyrrhenos: Auswanderung aus Liebe zum Überleben
Gemäß den Überlieferungen, die vor allem auf den antiken griechischen Geschichtsschreiber Herodot (Historien 1,94) zurückgehen, beginnt die Geschichte des Tyrrhenos weit entfernt von Italien >> (im Süden von Europa >>) – an der Küste Kleinasiens im antiken Königreich Lydien (in der heutigen Türkei).
Eine Missernte und das Los des Schicksals
Tyrrhenos war ein Sohn des lydischen Königs Atys >>. Als das Land von einer verheerenden Hungersnot heimgesucht wurde, stand der König vor einer schweren Entscheidung. Um das Überleben seines Volkes zu sichern, teilte Atys die Bevölkerung in zwei Hälften.
Eine Hälfte verblieb unter der Führung seines Sohnes Lydos >> in der Heimat.
Die andere Hälfte wurde von Tyrrhenos angeführt, um jenseits des Meeres eine neue Existenz aufzubauen.
Die Reise nach Umbrien
Tyrrhenos brach mit seinem Volk vom Hafen von Smyrna (dem heutigen Izmir) auf. Die Seefahrt führte sie über das Mittelmeer bis an die Küsten Mittelitaliens ins Gebiet von Umbrien. Dort ließ sich die Gruppe nieder und verschmolz mit der bestehenden Kultur. Aus dieser Besiedlung ging – so erzählt es der Mythos – das Volk hervor, das die Altgriechen als Tyrrhener oder Tyrsener bezeichneten.
Tyrrhenisches Meer
Sogar das Tyrrhenische Meer >> – der Teil des Mittelmeers zwischen dem italienischen Festland, Sardinien, Korsika und Sizilien – trägt bis heute seinen Namen.
Tarchon
Der Mythos spinnt sich weiter: Tyrrhenos’ Sohn mit dem Namen Tarchon >> soll später als Städtegründer aufgetreten sein und das Fundament für das etruskische Städtebündnis gelegt haben.
Wer waren die Etrusker?
Die wissenschaftliche Erforschung der Etrusker – die sogenannte Etruskologie – zeigt ein faszinierendes Bild dieser Kultur, die Selbstbezeichnungen und Fremdbilder miteinander vereint.
Name und Selbstbezeichnung: Während die Altgriechen sie Tyrrhenoi nannten und die Römer sie als Etrusci oder Tusci (wovon sich der Name der heutigen Toskana ableitet) bezeichneten, nannten sich die Etrusker selbst Rasenna.
Siedlungsgebiet: Ihr Kernland lag im nördlichen Mittelitalien (heutige Toskana, Umbrien und Latium).
Blütezeit: Die etruskische Hochkultur datierte von etwa 800 bis 100 v.u.Z. Sie war bekannt für ihre fortschrittliche Architektur, prunkvolle Tomben (Nekropolen), Kunsthandwerk und ihre tief religiöse Lebensweise.
Der Niedergang der Etrusker
Ab etwa 300 v.u.Z. gerieten die Etrusker zunehmend in Konflikt mit dem aufstrebenden Römischen Reich. Bereits geschwächt durch den Einfall der Kelten >> um 380 v.u.Z., konnte der etruskische Städtebund dem militärischen Druck Roms schlussendlich nicht standhalten. Um 90 v.u.Z. verschmolz die etruskische Kultur im Zuge der Romanisierung mit dem Römischen Reich.
Fazit: Mythos trifft Wissenschaft
Ob die Sage um Tyrrhenos einen wahren Kern besitzt, beschäftigt Forscher seit Jahrhunderten. In der Wissenschaft wird der Prozess der Entstehung eines Volkes als Ethnogenese bezeichnet. Während Archäologen und Genetiker nach wie vor untersuchen, wie viel Einwanderung aus dem östlichen Mittelmeerraum tatsächlich stattfand, bleibt Tyrrhenos eine Schlüsselfigur: Er bildet die mythologische Brücke zwischen den Hochkulturen Kleinasiens und dem antiken Italien.