Ate und die Verblendung: Einleitung
In der allumfassenden Götterwelt der griechischen Mythologie verkörpert Ate eine der tückischsten und verhängnisvollsten Kräfte, denen Götter wie Sterbliche gleichermaßen ausgesetzt sind: Die geistige Verblendung. Ate ist keine thronende Herrscherin des Olymps, sondern eine wirkmächtige Personifikation (Daimona) jener geistigen Umnachtung, die den Verstand trübt und zu überstürzten, meist unumkehrbaren Fehlentscheidungen führt. Wer von ihr berührt wird, verliert das Maß und die Gabe des rationalen Denkens, wodurch die Saat für späteres Unheil und tragischen Ruin gesät wird. Ihre verheerende Kraft macht selbst vor dem Göttervater Zeus nicht halt. Erst im Nachhinein – im schmerzhaften Zustand der Reue und des Erkennens – wird den Betroffenen ihr folgenschweres Fehlverhalten bewusst. In der antiken Literatur dient Ate daher als warnendes Exempel für menschliche Selbstüberschätzung (Hybris >>) und das unentrinnbare Schicksal.
Ate: Steckbrief
Name: Ate (altgriechisch Ἄτη)
Bedeutung des Namens: „Verblendung“, „unheilvoller Irrtum“, „Verirrung des Geistes“ bzw. „Schaden“.
Wesen / Rolle: Göttin und Personifikation der Verblendung, des Hochmuts und des daraus resultierenden Unheils.
Abstammung (zwei Traditionen)
Nach Hesiod (Theogonie): Tochter der Eris >> (der Göttin der Zwietracht). In dieser Traditionslinie ist sie unter anderem die Schwester von Dysnomia >> (der Gesetzlosigkeit).
Nach Homer (Ilias): Eine der ältesten Töchter des Göttervaters Zeus >>.
Charakter und Wirkungsweise
Ate bewegt sich lautlos und unbemerkt. Sie schreitet nicht auf der Erde, sondern gleitet sanft über die Köpfe der Menschen hinweg, um deren Verstand im entscheidenden Moment zu vernebeln. Sie verleitet selbst die Klügsten zu fatalen Taten.
Zentrale mythologische Erzählungen
Die Verblendung des Zeus: Zeus prahlte einst im Zustand der Verblendung durch Ate, dass sein nächster Nachfahre (Herakles >>) der Herrscher von Mykene >> werden solle, und besiegelte dies mit einem heiligen Eid. Seine rachsüchtige Gemahlin Hera >> nutzte dies aus, verzögerte die Geburt von Herakles und beschleunigte stattdessen die Geburt von Eurystheus >> (einem anderen Nachfahren des Perseus >>). Eurystheus wurde Herrscher und Herakles musste sich ihm unterwerfen.
Die Verbannung aus dem Olymp: Als Zeus erkannte, dass Ate ihn verblendet hatte, geriet er in so tiefen Zorn und Scham, dass er sie an den Haaren packte und für immer aus dem Olymp hinab auf die Erde >> schleuderte. Seitdem wandelt sie ausschließlich unter den Sterblichen.
Die Rechtfertigung des Agamemnon >>: In Homers Ilias begründet Agamemnon seine schwere Verfehlung – die Demütigung des Achilleus >> und den Raub von dessen Lieblingssklavin Briseis >> – damit, dass er von Ate verblendet worden sei. Er wies die persönliche Schuld von sich, da selbst der mächtige Zeus einst Opfer von Ates Täuschungskunst geworden war.
Antike Quellen
Hesiod: Theogonie (Vers 230)
Homer: Ilias (Gesänge 9, 498–512 und 19, 85–138)
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