Dolos und die Story des Betrugs und der Täuschung: Einleitung
Menschliche Verhaltensweisen, Affekte und Verfehlungen sind sehr wichtig in der griechischen Mythologie und werden folgerichtig personifiziert. Neben Naturgewalten und kriegerischen Konflikten werden feinsinnigere, aber oft verheerende Phänomene des menschlichen Zusammenlebens als Dämonen (Daimones) dargestellt. Dolos (lateinisch Dolus) verkörpert hierbei die gezielte Täuschung, die Arglist, die Hinterlist sowie den Betrug. Als Schattenfigur im antiken Pantheon verdeutlicht Dolos, wie tief die Fähigkeit zur Manipulation in der Zivilisations- und Kulturgeschichte der Menschheit verwurzelt ist. Interessant ist dabei die Entwicklung des Begriffs: Während er in der Antike mythologisch und fabelhaft aufgearbeitet wurde (etwa in der bekannten Fabel über die Erschaffung der Wahrheit und der Lüge), wirkt der Name bis in die Gegenwart fort. Im modernen Rechtssystem sowie in der Wirtschaftsprüfung bildet das lateinische Dolus bis heute den zentralen Fachbegriff für Vorsatz und vorsätzliche Schädigungen (dolose Handlung).
Dolos: Steckbrief
Name (altgriechisch): Dolos (Δόλος) – bedeutet wörtlich List, Falle, Täuschung und Betrug
Name (lateinisch): Dolus
Status / Wesen: Gott bzw. Dämon (Daimon) / Personifikation der List und des Betrugs
Zuständigkeitsbereich: Täuschung, Betrug, arglistige Anschläge, Hinterhalte und Hinterlist
Elternhaus:
• Mehrheit der Quellen: Sohn von Erebos >> (Gott der Finsternis) und Nyx >> (Göttin der Nacht)
• Version nach Hyginus: Sohn von Aither >> (Seele der Welt) und Gaia >> (Erde)
Gegenstücke und Verwandte:
• Weibliches Pendant: Apate >> (Göttin/Dämonin des Betrugs und der Täuschung)
• Gegenspielerin: Aletheia >> (Göttin der Wahrheit; lateinisch Veritas)
Rolle / Lehre: Schüler und Lehrling des Titanen Prometheus >> (dem Schöpfer der Menschheit)
Mythologische Erzählung: Dolos und die Erschaffung der Lüge
Eine bekannte antike Fabel (überliefert unter anderem nach Äsop / Phaedrus) schreibt Dolos eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Lüge zu:
1. Die Werkstatt des Prometheus: Prometheus formte aus Ton die Gestalt der Wahrheit (Aletheia). Bevor er das Werk beenden konnte, wurde er aus seiner Werkstatt gerufen und ließ seinen Schüler Dolos allein zurück.
2. Die Nachbildung: Dolos nutzte die Gelegenheit und versuchte voller Ehrgeiz, die Figur der Wahrheit exakt nachzumodellieren. Ihm gelang eine verblüffend identische Kopie. Allerdings reichte ihm der Ton am Ende nicht mehr aus, um der Nachbildung Füße zu formen.
3. Belebung und Bedeutung: Als Prometheus zurückkehrte, war er vom handwerklichen Geschick seines Schülers so beeindruckt, dass er beide Figuren im Ofen brennen ließ und ihnen Leben einhauchte. Die echte Aletheia konnte fortan auf eigenen Füßen schreiten, während ihre fußlose Kopie – die Personifikation der Lüge – unbeweglich an ihrem Standort verharren musste (aus dieser Fabel leitet sich die Redewendung „Lügen haben kurze Beine“ bzw. keine Füße ab).
Aktuelle Bedeutung und Sprachgebrauch
Rechtswissenschaft (Strafrecht): Das aus dem Lateinischen entlehnte Substantiv Dolus bezeichnet den Vorsatz (z. B. beim Tatbestand des Betrugs). Es bildet den direkten Gegenpol zur Fahrlässigkeit.
Wirtschaftsprüfung: Der Fachbegriff „dolose Handlung“ beschreibt vorsätzliche Rechtsverstöße oder betrügerische Handlungen wie Bilanzfälschung, Untreue oder Unterschlagung.
Primäre antike Quellen und Literatur
Cicero: De natura deorum (3,44)
Hyginus: Fabulae Praefatio
Äsop: Fabel 530 (bzw. Phaedrus, Fabulae: Appendix Perottina 5)
Beate Wagner-Hasel: Der Stoff der Gaben. Kultur und Politik des Schenkens und Tauschens im archaischen Griechenland. Campus, Frankfurt/Main 2000.
Kompletter Beitrag
Der komplette Beitrag zum Steckbrief:
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Gerne darf sich jeder per Kommentar beteiligen und ggf. relevante Links ergänzen.